In den Betrieben werden die Baumaterialien knapp, nicht die Aufträge
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Die Probleme der Handwerksbetriebe
Momentan wird es für bestimmte Gewerke, die auf die Baustoffe Holz, Metall, Dämmmaterial oder Farbe angewiesen sind, schwer an solche zu kommen. Immer mehr Betriebe aus den verschiedensten Regionen in Deutschland senden Hilferufe. Entweder verzögert sich durch die Lieferengpässe die Fertigstellung von Aufträgen oder ganze Betriebe müssen durch fehlendes Material in Kurzarbeit gehen und einen Baustopp hinnehmen. Daneben sind die Preise in recht kurzer Zeit stark angestiegen. Somit kann es passieren, dass sich laufende Aufträge für Handwerksbetriebe nicht mehr rechnen. Die Folge sind Verlustgeschäfte, die in Zeiten der Corona-Pandemie doppelt schwer wiegen.
Die Gründe, wie es dazu kommen konnte
Dafür lassen sich verschiedenste Gründe finden, sogar über die Landesgrenzen hinaus. Zum Ersten wurde im Zuge der Corona-Pandemie die Produktion in vielen Herstellerländern der Materialien zurückgefahren. Dabei es davon ausgegangen worden, dass auch die Nachfrage zurückgehen würde. Eingetreten ist dies jedoch nicht. Zudem sind durch bestimmte Beschränkungen an den Landesgrenzen Lieferketten unterbrochen oder erschwert worden, was sich in dem Zuge mit steigenden Preisen oder Lieferengpässen bemerkbar macht.
Zum Zweiten leben wir in einer zunehmend globalisierten Welt mit internationalen Märkten. So wirken sich auch Entwicklungen in anderen Ländern auf den deutschen oder europäischen Markt aus. Durch die Schäden von Wetterkapriolen und das neue geschaffene Konjunkturprogramm in den USA besteht eine hohe Nachfrage nach Baumaterialien wie zum Beispiel Holz, da es ein beliebter Baustoff ist. In dem Zuge haben die amerikanischen Firmen den europäischen Markt für sich entdeckt. Mit Hilfe der Zuschüsse aus den Konjunkturprogrammen können US-Firmen einen deutlich höheren Preis für Material bezahlen. Kleinere Betriebe in Europa können da oft nicht mithalten.
Zum Dritten wird die ganze Situation noch durch fehlendes Holz aus Kanada verschärft. Das Nachbarland der USA gilt als wichtigster Partner für Materialien wie Holz und Co. Jedoch hatte Kanada in jüngster Vergangenheit aufgrund einer Borkenkäferplage mit extremen Verlusten bei der Holzverarbeitung zu kämpfen. Dazu kamen die Wirtschaftsstreitigkeiten in der Amtszeit von Donald Trump. Somit suchen sich US-Betriebe nun verstärkt ihr Material auf dem europäischen Markt zusammen.
Zum Vierten gibt es neben den USA ein zweites Land, das viel Baumaterial aus Deutschland und der EU importiert, nämlich China. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat China die Corona-Krise früh unter Kontrolle bekommen und damit ihre Wirtschaftskraft wieder nahezu vollständig hochgefahren. Die Nachfrage nach Baumaterial in dem sich rasant entwickelnden Land und die Kaufkraft sind damit auf einem hohen Niveau. Das führt dazu, dass in der EU momentan hergestelltes Material häufig exportiert wird.
Zur momentanen Lage der Handwerksbetriebe
Der zentrale Dachdeckerverband in Deutschland (ZVDH) meldet, dass sich der Holzpreis verdoppelt habe.
Aus dem Malerhandwerk melden Verbände Nachrichten von Rohstoff- und Vorprodukt-Herstellern, die im Mai Preiserhöhungen von ebenfalls 50 % ankündigen.
Daneben meldet die Bauindustrie Preissteigerungen bei Stahl um 20 % seit März 2020.
Doch es muss dazu gesagt werden, dass zwar momentan in Deutschland flächendeckend Betriebe betroffen sind, nicht jedoch die Mehrheit. Allerdings lässt sich eine Tendenz aus den Nachrichten der Verbände herauslesen, dass immer mehr Betriebe damit zu kämpfen haben. Wenn dazu noch benötigte Materialien bei verschiedensten Zulieferern “gehamstert” werden wie Klopapier zu Zeiten des ersten Lockdowns, wird das die Situation für Betriebe weiter verschärfen.
Wie sich das Ganze entwickeln könnte
Hier gehen die Meinungen von Experten und Vertretern der Gewerke meist auseinander. Doch eines lässt sich sagen: Von einer kurzfristigen Änderung geht so gut wie niemand aus. Der ZVDH geht von einer eingependelten Lage im Laufe des Jahres aus. An diese optimistische Meinung schließen sich viele Experten an, da durch die fortschreitende Bewältigung der Corona-Situation Lieferketten und Produktionen wieder hergestellt werden. Pessimistische Stimmen kommen eher direkt von betroffenen Handwerksbetrieben, die von mehreren Jahren ausgehen. Zudem mahnen Unternehmen an, im Auge zu behalten, dass sich hohe Preise nicht dauerhaft durchsetzen würden. Gerade wenn sich die Lage am internationalen Baustoffmarkt entspannt hat.
Was kann dagegen unternommen werden kann
Auch wenn Handwerksbetriebe keinen Einfluss auf den internationalen Markt haben, müssen aus dieser Entwicklung Lehren gezogen werden.
So müssen gestiegene Materialpreise mit verständnisvoller Kommunikation an den Endkunden weitergegeben werden, wenn es nicht anders geht.
Zudem könnten “Gleitpreismodelle” mit Zulieferern, wie sie bereits bei großen Bauvorhaben vorkommen, Festpreise vermeiden und für angepasste Rechnungen sorgen.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, noch genauer bei der Bestellung von Material hinzuschauen. Auch wenn es bei vielen dynamischen Projekten schwerfällt, könnte ein größeres Lager für Entlastung sorgen.
Neben Ressourcenschonung kann es sich ebenfalls lohnen, mit regionalen Händlern und Herstellern Vereinbarungen zu schließen, damit regionale Kreisläufe gefördert werden.
Unterdessen appelliert das SHK-Handwerk an Industrie und Großhandel, Preiserhöhungen “verträglich” weiterzugeben. Falls die aktuelle Situation Geschehen sich nicht weiter verbessert, werden Stimmen für staatliche Regulierungen und weniger Export lauter werden.
Über eine Frau, die das Handwerk lebt: Ein Gespräch mit Betina Brecht.
In diesem Artikel:
- Hallo Betina, was sollte unsere Community über Dich wissen?
- Was waren für Dich die ausschlaggebenden Gründe im Handwerk zu arbeiten?
- Was gab es für Herausforderungen in Deiner bisherigen beruflichen Laufbahn?
- Welchen Rat, welche Tipps hast Du für junge Mädchen und Frauen, die sich für das Handwerk interessieren?
- Was hat sich Deiner Meinung nach während dem Beginn Deiner beruflichen Karriere bis heute verändert?
- Wie kann man junge interessierte Frauen dabei unterstützen einen Handwerksberuf zu erlernen und auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein?
- Welche Weiterbildungsmöglichkeiten und beruflichen Angebote gibt es derzeit?
- Gehst Du einer Verbandstätigkeit nach bzw. bist Du neben Deiner hauptberuflichen Tätigkeit noch anderweitig im Handwerk aktiv?
- Haben Sie vielleicht noch ein paar Empfehlungen oder Tipps? Gerade wenn es um Informationsangebote geht, Communities, Foren oder Plattformen, auf die wir verlinken können?
- Was sind Ihre Ziele für die nächste Zeit? Haben Sie besondere Projekte geplant oder noch Ideen, die Sie fokussieren wollen?
“Wie weiblich ist das Handwerk?”, haben wir in unserem letzten Blogbeitrag gefragt. Dabei lässt sich sagen: deutlich weiblicher als noch vor 20 Jahren. Grund genug einmal direkt bei einer Handwerkerin nachzufragen, die sich mit dem Thema bestens auskennt und ihre Erfahrung teilen kann. Die Rede ist von Betina Brecht. Als sie vor gut 20 Jahren ihre Ausbildung zur Maler- und Lackiererin anfing, war sie eine der wenigen Frauen in der Branche. Mittlerweile ist sie Diplom- Farbgestalterin und -Wohnberaterin, motiviert Frauen für den Schritt ins Handwerk und setzt sich für sie in Innungssitzungen ein.
Wir haben nachgefragt, was sie für wertvolle Erfahrungen in ihrer Arbeitslaufbahn gemacht hat, welche Tipps sie jungen Mädchen und Frauen an die Hand geben kann und warum Frauen im Handwerk heute mehr Möglichkeiten denn je haben.
Hallo Betina, was sollte unsere Community über Dich wissen?
Das finde ich gar nicht so eine einfache Frage, weil ich immer denke: “ja gut, was könnte für den anderen gegenüber interessant sein?” Aber ich fang’ einfach mal mit den Standardantworten an: Ich bin jetzt 37, habe eine Maler- und Lackierer-Ausbildung gemacht und die auch in Lehrzeitverkürzung abgeschlossen, bin verheiratet und Mama einer 9-jährigen Tochter.
Nach der Ausbildung habe ich noch einige Zeit als Maler- und Lackiererin auf der Baustelle gearbeitet. Aber schon als ich damals während der Ausbildung meinen Mann auf der Baustelle kennenlernte, war mir recht schnell klar, dass ich dieses typische “Saisonleben” so irgendwann mal nicht mehr wollte. Im Sommer war bei uns wirklich immer 6-Tage-Woche Vollgas mit wenig Privatleben angesagt und dann im Winter war es natürlich entspannter, aber irgendwann habe ich zu mir gesagt: “nee, also spätestens wenn wir mal Familie haben, will ich nicht mehr mein ganzes Leben auf der Baustelle sein”, obwohl mir mein Beruf immer richtig viel Spaß gemacht hat und auch heute noch Spaß macht.
Durch einen Zufall kam ich dann in den Farbenverkauf und dort hab ich nach kurzer Zeit gemerkt, das ist genau das was ich kann und will; mit Kunden im Kontakt zu sein und sie zu beraten. Vor acht Jahren haben mein Mann und ich uns dann tatsächlich selbstständig gemacht – mit einem eigenen Stuckateur- und Malerbetrieb (Mehr Infos auf der Website Stuckateur-Brecht).
In unserem Betrieb war ich zuerst nur unterstützend tätig, weil unsere Tochter schon auf der Welt war und ich hab’ einfach die Bürotätigkeiten erledigt. Aber ich bin trotzdem auch noch, wenn es mal auf der Baustelle gebrannt hat, kurzzeitig mit eingesprungen. Vor fünf Jahren war es soweit, dass wir eigene Räume mit der Firma beziehen konnten, da hatte ich den Wunsch einen eigenen Farbenladen zu haben. Seitdem leite ich das Büro und kümmere mich nebenher um den Farbenladen und die Ausstellung.
2016 hat sich für mich die Chance ergeben, beim Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg (SAF) die Weiterbildung zur Diplom-Farbgestalterin und -Wohnberaterin zu machen. Ich wusste zwar, dass es bei der Handwerkskammer einen Vollzeitkurs gibt, aber das hat sich für mich als Mama und weil ich eben doch im Betrieb gebraucht wurde, einfach nicht angeboten. So hab’ ich drei Jahre lang die Ausbildung mit Diplom noch zusätzlich nebenher gemacht, weil mir das Gestalten und kreativ sein schon im Malerberuf total Spaß gemacht hat.
Was waren für Dich die ausschlaggebenden Gründe im Handwerk zu arbeiten?
Der ausschlaggebende Grund für mich ins Handwerk zu gehen, war einfach: Ich wollte sehen, was ich am Ende des Tages gearbeitet hab’ und dies möglichst auf einer kreativen Ebene. Das hat mir einfach schon immer gelegen, mit den Händen etwas zu erschaffen. Ich hätte mir auch nie vorstellen können, den ganzen Tag immer nur im Büro zu sitzen. Was mir ebenfalls total gefallen hat an meinem Beruf: Die ständigen Ortswechsel. Immer etwas Neues zu sehen, ständig andere Menschen, andere Aufgaben und man macht nicht jeden Tag dasselbe. Oder auch dieser Schaffensprozess, von der Tapete abmachen bis wieder eine ganz neue Oberfläche entsteht. Das hat mich einfach schon immer fasziniert, wie man aus etwas Altem etwas ganz Neues erschaffen und das wieder verändern kann.
Was gab es für Herausforderungen in Deiner bisherigen beruflichen Laufbahn?
Man muss sich als Frau schon überlegen, ob man irgendwann Familie haben möchte. Ich kenne zwar Frauen, die wirklich bis ins Alter auf der Baustelle tätig sind, aber man muss sich doch dessen bewusst sein, dass es ein körperlich anstrengender Beruf ist. Was ich den Auszubildenden an die Hand gegeben habe, war: Überlegt euch wo ihr hinwollt und ihr könnt so viel aus dieser Handwerksausbildung machen… Man lernt zum Beispiel die Arbeitsprozesse kennen, sammelt Fachwissen zum Thema Materialkunde und der Umsetzung. Dieses Wissen haben Quereinsteigerinnen oft nicht. Sie unterstützen tatkräftig im Büro, der fachliche Background einer handwerklichen Ausbildung fehlt jedoch.
“Was ich den Auszubildenden an die Hand gegeben habe, war: Überlegt euch wo ihr hinwollt und ihr könnt so viel aus dieser Handwerksausbildung machen…” Betina Brecht
Der Umkehrschluss für mich war, dass ich anfangs von den kaufmännischen Prozessen natürlich nicht so viel verstanden habe. Deshalb habe ich zusätzlich die Büroleiterin im Handwerk gemacht. Aber ich muss für mich persönlich wirklich sagen, dass die kaufmännischen Prozesse hinterher leichter zu erlernen sind bzw. kaufmännische Unterstützung einfacher zu finden ist, als gute Handwerker:innen. Dann versteht man zum Beispiel auch die Planungen oder die Arbeitsabläufe auf der Baustelle leichter, als ohne handwerkliche Ausbildung.
Welchen Rat, welche Tipps hast Du für junge Mädchen und Frauen, die sich für das Handwerk interessieren?
Habt keine Angst, macht es einfach und gebt euch so wie ihr seid! Man hat wirklich keine Probleme unter den ganzen Männern im Handwerk. Klar gibt’s mal irgendeinen blöden Spruch, aber da denke ich, muss man einfach drüberstehen. Ich habe nie negative Erfahrungen gemacht, wenn ich dann doch mal Schwäche eingestanden habe und gefragt habe “Kannst du mir vielleicht helfen, weil mir ist das wirklich zu schwer?” Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, es ist sogar positiv von den Männern aufgenommen worden. Und ebenso waren die Kundenreaktionen auf eine Frau im Handwerk durchweg positiv.
“Man darf als Frau trotzdem auch mal um Hilfe bitten, wenn zum Beispiel etwas zu schwer ist.” Betina Brecht
Was hat sich Deiner Meinung nach während dem Beginn Deiner beruflichen Karriere bis heute verändert?
Ich habe meine Lehre vor 20 Jahren gemacht. Da waren Frauen im Handwerk überhaupt nicht etabliert und ich war wirklich eine unter Wenigen. Selbst wenn ich nur die letzten 10 Jahre betrachte, hat sich die Situation schon schwer geändert und das gilt berufsübergreifend. Ich denke einfach, die Frauen müssen sich manchmal einfach mehr trauen und vor allem sich selber zutrauen!
Das klassische Rollenbild von Frau und Mann, wer was zu tun hat, ist endlich im Umbruch. Jeder soll doch das machen dürfen, was man kann und gern machen möchte. Und wenn die Frau später arbeiten geht und der Mann zuhause ist, so what? Ist doch in Ordnung. Heutzutage haben wir doch viel mehr Möglichkeiten über unser Lebensmodell zu entscheiden wie noch vor ein paar Jahrzehnten und das ist, finde ich, wirklich eine schöne Entwicklung.
“Und wenn die Frau später arbeiten geht und der Mann zuhause ist, so what? Ist doch in Ordnung.” Betina Brecht
Wie kann man junge interessierte Frauen dabei unterstützen einen Handwerksberuf zu erlernen und auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein?
Generell muss ich sagen, dass man im Handwerk – egal ob als Frau oder Mann – wirklich super Aufstiegsmöglichkeiten hat. Frauen haben es heute auch ein bisschen einfacher als noch vor 20 Jahren und zwar in dem Sinne, weil es einfach viel mehr Möglichkeiten gibt. Diese Chancen gilt es zu ergreifen und jemand, der will, sieht auch die Weiterbildungsmöglichkeiten.
Bei mir war es natürlich auch ein Reifungsprozess: Hätte mir jemand, als ich damals meine Ausbildung angefangen habe, gesagt “in x Jahren wirst du mal da und da sein”. Da hätte ich gesagt “Never ever”. Und es war so witzig, weil ein Arbeitskollege aus der Ausbildungszeit vor ein paar Tagen zu mir gesagt hat “Oh mein Gott, ich sehe dich noch an deinem ersten Tag auf dem Gerüst. Hätte mir das da jemand gesagt, dass du in der Zukunft selbstständig bist, ich hätte denjenigen echt für verrückt erklärt.” Aber das zeigt doch einfach nur, wie man innerlich reifen kann, wenn man seinen Weg mal findet und den auch einschlägt.
“Wenn ihr mal eine fundierte Ausbildung habt – und es ist egal in welchem Bereich – ihr könnt immer weitermachen. Ihr könnt immer irgendwo eine Stelle finden, die sich mit dem derzeitigen Lebensmodell oder der aktuellen Lebenssituation in Verbindung setzen lässt.” Betina Brecht
Es ist nicht immer einfach, aber es gibt wirklich genug Aufstiegschancen, auch für Frauen und da spielt die innere Einstellung ganz viel mit rein. Schaffe ich das auch, wenn andere vielleicht sagen “Nein, du schaffst es nicht” oder mach’ ich es einfach, obwohl andere sagen “Du schaffst es nicht”? Da gehört doch schon sehr viel Eigenmotivation, Mut und Durchsetzungsvermögen dazu.
Klar, die Lebenssituation kann sich immer ruckzuck ändern und es ist nicht immer einfach, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, aber es ist möglich. Und das ist, das glaub ich, was ich allen Mädels, die ins Handwerk gehen möchten, mit auf den Weg geben will: Wenn ihr mal eine fundierte Ausbildung habt – und es ist egal in welchem Bereich – ihr könnt immer weitermachen. Ihr könnt immer irgendwo eine Stelle finden, die sich mit dem derzeitigen Lebensmodell oder der aktuellen Lebenssituation in Verbindung setzen lässt.
Welche Weiterbildungsmöglichkeiten und beruflichen Angebote gibt es derzeit?
Es gibt inzwischen zahlreiche Angebote von wirklich guten Institutionen auch gerade im Bereich der Seminare oder wenn man sich in einem Bereich spezialisieren will. Man muss aber auch einfach den Weitblick haben bzw. sich informieren oder dann gegebenenfalls in den eigenen Reihen fragen “Hey, wo hast du dir Hilfe gesucht oder was waren denn deine Erfahrungen damit?” Das ist etwas, was ich natürlich in meiner Jugend nicht so gemacht habe, wie mit meiner heutigen Lebenserfahrung. Das muss ich ganz klar sagen: Heutzutage ist es sehr wichtig, sich ein Netzwerk zu schaffen – egal in welcher Branche. Davon kann man als Einzelperson immer profitieren.
Gehst Du einer Verbandstätigkeit nach bzw. bist Du neben Deiner hauptberuflichen Tätigkeit noch anderweitig im Handwerk aktiv?
Im Verband bin ich nicht tätig, aber ich unterstütze meinen Mann, da er Innungsobermeister bei den Stuckateuren im Rems-Murr-Kreis ist. Ich habe recht schnell gemerkt, dass ich eine der wenigen Frauen bin, die bei den Innungssitzungen dabei ist. Da liegt mir wirklich am Herzen, die Frauen mit einzubinden und zu sagen “Hey, kommt mit!” und auch, wenn es im ersten Moment nur für das schöne Abendessen außer Haus ist. “Schaut euch die Veranstaltungen an!”
Damit habe ich in den letzten Jahren angefangen, um die Wünsche der Frauen zu berücksichtigen: “Was ist euch denn wichtig in der Innung oder an einer Innung?” “Wie könnte man es auch für euch attraktiv gestalten?” Weil ich natürlich gemerkt habe, dass viele der Chefinnen diesen fachlichen Hintergrund nicht haben und dann wird eine Innungsveranstaltung oft sehr schnell zäh, weil es doch eher um fachliche Themen geht. Und da sage ich: Auch für Frauen muss die Innungsarbeit attraktiver gestaltet werden, denn eine Innung hat einen Auftrag: Eine Innung macht nicht nur etwas für die Betriebe oder die Chefs, sondern auch die Chefinnen gehören mit ins Boot.
„Auch für Frauen muss die Innungsarbeit attraktiver gestaltet werden, denn eine Innung hat einen Auftrag: Eine Innung macht nicht nur etwas für die Betriebe oder die Chefs, sondern auch die Chefinnen gehören mit ins Boot.“ Betina Brecht
Haben Sie vielleicht noch ein paar Empfehlungen oder Tipps? Gerade wenn es um Informationsangebote geht, Communities, Foren oder Plattformen, auf die wir verlinken können?
Okay, da muss ich sagen von Plattformen weniger, aber wovon ich sehr stark profitiert habe war, sich Frauen-Arbeitskreisen in den einzelnen Verbänden anzuschließen, sofern es sie gibt. Das finde ich ist eine sehr gute Möglichkeit, um sich als Frau einzubringen, weiterzubilden und zu informieren. Dieser Austausch ist extrem wichtig, weil es einfach eine andere Kommunikation ist, wie wenn man sich mit den Männern der Branche austauscht. Und da habe ich sehr viele Tipps für mich mitnehmen können.
Was sind Ihre Ziele für die nächste Zeit? Haben Sie besondere Projekte geplant oder noch Ideen, die Sie fokussieren wollen?
Das Thema “Farb- und Wohnberatung” möchte ich mehr voranbringen und den Menschen zeigen, wie schön es ist mit Farbe die Welt bewusst zu gestalten. Es gibt zwar mittlerweile mehrere Farbberater und -Beraterinnen, aber leider ist das ein Berufszweig, der immer noch ein bisschen belächelt wird. Es steht eigentlich – das finde ich oft sehr schade – der Architekt über allem. Aber dieses tiefe Wissen um die Farbe, deren Wirkung und wie man Farbe auch sinnvoll einsetzt um die Menschen und die Architektur mit einzubeziehen, das ist etwas, woran ich in Zukunft arbeiten möchte.
Gerade auch im Hinblick auf den Planungsprozess: Es wird oft ein Haus oder eine Wohnung geplant, aber es wird ganz oft der Mensch vergessen, der später darin wohnt. Egal ob im privaten oder öffentlichen Bereich. Das fällt mir im Bereich “Pflege” zum Beispiel ganz massiv auf. Es wird oft geplant, dass es für die Besucher schön ist oder für Personal zweckmäßig. Aber was ist denn mit den Bewohnern, die darin leben? Und zwar tagtäglich 24 Stunden. Das ist so ein extrem wichtiges Thema, das mir am Herzen liegt: Bedarfsgerechtes Planen, anstatt trendgerechtes Planen.
Vielen Dank für das Gespräch Betina!
Wer mehr über Betina Brecht erfahren möchte, wird hier fündig: Stuckateur Brecht. Wer eine Übersicht zu Ausbildungsberufen im Handwerk sucht, schaut am besten auf der folgenden Seite vorbei und klickt hier. Daneben bietet das Handwerk einen “Lehrstellen-Radar” zur Orientierung an: siehe hier. Für mehr Informationen zum Thema Ausbildung allgemein, genügt ein Klick hier.
Wie weiblich ist das Handwerk?
Eines lässt sich in der Entwicklung der Arbeitswelt beobachten: Die Grenze von strikten Geschlechterrollen bei der Berufswahl weicht zunehmend auf. In den letzten Jahren zeigt sich beispielsweise ein positiver Trend in Richtung mehr Frauen im Handwerk und in technischen Berufen. Sei es bei Ausbildungen, festen Arbeitsplätzen oder der Unternehmensführung. Berufe, die in der Vergangenheit und Gegenwart stark männlich geprägt sind. Doch die Anzahl an Handwerkerinnen, da sind sich Handwerksverbände einig, ist immer noch zu niedrig. Daneben lassen sich im Vergleich zu den männlichen Handwerkern noch einige starke Unterschiede in der Gewerkswahl ausmachen.
Wie ist es also um das Thema Frauen im Handwerk bestellt? Unter anderem geben die Zahlen und Analysen des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (kurz: ZDH) einen Einblick…
Wie der aktuelle Stand von Frauen in Handwerksberufen ist
Welche Entwicklungen sich in den letzten Jahren erkennen lassen
Warum sich Frauen immer noch ein bisschen mehr beweisen müssen als Männer
Wieso sich das Handwerk für mehr Handwerkerinnen einsetzen sollte
Zur aktuelle Lage von Frauen im Handwerksberuf
Frauen bringen das Handwerk in verschiedensten Bereichen voran. Als Mitarbeiterin, Auszubildende, Meisterin, Selbstständige, Gründerin oder als gemeinsame Unternehmerin mit ihrem Partner. Die aktuellen Zahlen lassen durchaus Positives erahnen. Frauen machen im Handwerk unter allen tätigen Personen einen Anteil von 36 % aus. Dazu zählen alle Berufsfelder, egal ob Arbeitnehmerin oder Arbeitgeberin. Das Belegen zumindest Zahlen des ZDH aus dem Jahr 2020 (Mehr dazu hier). Daneben werden 20 % der Handwerksbetriebe allein von Frauen geführt. Zudem sind gut 75 % aller Handwerksbetriebe familiengeführt, wobei Paare häufig gemeinsam leiten.
„Die Unternehmerfrauen sind ein unverzichtbarer Partner für das Handwerk“, erklärte Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). „Sie gehören in den Betrieben zu den Leistungsträgern und tragen auf allen Ebenen zum wirtschaftlichen Erfolg der Handwerksbetriebe bei.”
Zu den häufigsten Tätigkeitsfeldern zählen personenbezogene Dienstleistungen wie Friseure sowie das Gesundheits- und Lebensmittelgewerbe. Im Bauhaupt- sowie dem Ausbaugewerbe und im Bereich Kfz sind Frauen am wenigsten vertreten.
Insgesamt liegt der Frauenanteil bei neu abgeschlossenen Ausbildungen bei knapp 20 % (Stand 2019). Jedoch sind diese nicht gleichmäßig verteilt. Der gewerblich technische Bereich ist deutlich unterbesetzt im Vergleich zu kreativeren Gewerken. Zu den beliebtesten Berufsfeldern zählen (siehe Bild unten).
Schneiderin und Friseurin,
Goldschmiedin und Optikerin
sowie Konditorin
Außerdem ist in Bezug auf abgeschlossene Meisterprüfungen im Jahr 2019 jede fünfte Person weiblich.
In manchen Gewerken mehr, in anderen fast gar nicht
Neben den beliebten Berufsfeldern gibt es auch einige technische Bereiche, in denen das Handwerk weiblicher wird. Hierzu zählen laut ZDH-Statistik aus dem Jahr 2019 Zahntechnikerin, Bäckerin, Malerin, Lackiererin und Tischlerin (siehe Bild unten). Diese Entwicklung kann auch auf die zahlreichen Infokampagnen des Handwerks zurückgeführt werden, in Zukunft mehr Frauen für das Handwerk motivieren zu können. Das fängt schon bei der schulischen Ausbildung mit dem Girls-Day oder MINT-Initiativen an und reicht bis zu Beratungs- und Vernetzungsangeboten von Kompetenzzentren in den jeweiligen Regionen.
Allerdings gibt es einige gesellschaftliche Gründe für die noch zu kleine Zahl von Frauen im Handwerk. Zum einen die im Schnitt besseren Schulnoten von Frauen, die sich für mehr qualifizierte Tätigkeiten eignen. Zum anderen der insgesamte Trend bei jungen Leuten in Richtung Universität statt Ausbildung. Verschärft wird diese Entwicklung durch niedrigere Geburtenraten, also insgesamt weniger jungen Interessenten.
Doch kann gerade jetzt durch die Digitalisierung und die Etablierung von neuen Technologien das Handwerk attraktiver gemacht werden. Das bedeutet weniger körperliche Belastung auf der Baustelle (Mehr dazu im Artikel hier), einen sicheren Job sowie eine gute Work-Life-Balance. Speziell in Bezug auf Familienplanung und fehlende körperliche Belastbarkeit im Vergleich zu Männern können dadurch zwei häufige Gegenargumente für Frauen in technisch ausgelegten Handwerksbetrieben genannt werden. Was uns zum nächsten Punkt führt.
Warum sich Frauen immer noch ein bisschen mehr beweisen müssen als Männer
Um Frauen auf der einen Seite für die gesamte Sparte an handwerklichen Berufen und auf der anderen Seite Handwerksunternehmen für Frauen zu motivieren, müssen alte Vorurteile und Klischees überwunden werden. Klischees von ungeschickten Frauen, die nicht richtig anpacken können oder eher in den betriebswirtschaftlichen Bereich gehören. Gerade diese Vorurteile sorgen dafür, dass sich Frauen im Handwerk gegenüber skeptischen Kunden und Kollegen meist mehr beweisen müssen, da sie von vornherein kritischer beurteilt werden. Das unterstützt nicht gerade das Arbeitsklima sowie den eigentlichen Arbeitsprozess bei der Handwerkerin.
Da ist sich auch Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH, einig. Noch viel zu häufig würden in der Berufsberatung nicht vordergründig die Fähigkeiten der Jugendlichen in den Blick genommen werden, sondern sich an teils geschlechterangepasste Berufswege orientiert.
„Es muss uns gelingen, dass Geschlechterklischees aufgeweicht werden, sowohl bei den Jugendlichen selbst, deren Eltern, aber auch bei den Lehrenden – egal ob in der Kita oder in der Berufsschule“ Holger Schwannecke, Generalsekträter des ZDH
In den Statistiken zeigt sich das anhand der niedrigen Ausbildungs- und Beschäftigtenzahlen von Frauen im Bereich von „typischen Männerberufen“. Nur 10 % aller im Bauhaupt- und Tischlergewerbe arbeitenden Personen sind laut ZDH weiblich. Berufszweige wie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik kommen auf einen Frauenanteil bei Ausbildungen von 1,2 Prozent.
Wer Frauen im Handwerk ignoriert übersieht die Zukunft
Werden veraltete Rollenklischees weitergetragen, übersehen viele Interessierte und Handwerksunternehmen ihre Chance für die Zukunft. Unternehmen, indem sie Frauen als mögliche Fachkräfte und Chefinnen von morgen zu wenig beachten. Und interessierte Frauen, die sich von einer aussichtsreichen Karriere im Handwerk abschrecken lassen. In Zeiten, bei denen rund 200.000 Lehrstellen pro Jahr unbesetzt bleiben, Fachkräfte rar sind und in einigen Gewerken Betriebsschwund herrscht, wäre das fahrlässig.
Als Lösungen bieten sich etablierte Frauen an, die als Vorbilder dienen können oder Unternehmenskulturen, die eine bessere Verbindung von Familie und Arbeit möglich machen. Darüber hinaus Entwicklungsangebote, um technische Kenntnisse und Führungsqualitäten zu entfalten sowie Quereinsteigerinnen den Einstieg zu erleichtern.






